Autor: Stephan Zwiauer
Wenn Eis zwischen den Steinen am Waldweg liegt, knirscht der Boden unter den Füßen besonders schön. Es ist ein ganz eigenes, ein besonders sattes Knirschen, das sich mit jedem Schritt auf die schneebedeckte Stille legt. Auf Stephanies Seite des Wegs liegen immer wieder zugefrorene Pfützen und sie scheint ihnen nicht ausweichen zu wollen, unter ihren Outdoor-Schuhen birst das Eis wie splitterndes Glas. Verena liebt den Wald, auch an einem kalten Februarmorgen wie heute. Die Strahlen der tief stehenden Morgensonne brechen sich in den Kronen der Bäume und fallen mit einem Funkeln durch den...
“Hoffnung ist ein Urvertrauen.”
Was heißt es, sich um die Seele zu sorgen? Oder sie zu ver-sorgen?
Die Seele ist kein Organ, man kann sie nicht „lokalisieren“. Dennoch hat sie Relevanz und Wirksamkeit. Der Mensch besteht nicht nur aus Körper – er ist auch ein psychisches, ein soziales, ein spirituelles Wesen. Die Seele ist dabei der Sitz der spirituellen Dimension, das tiefste und letzte Geheimnis meiner Identität, sie steht für das, was mich als Menschen ausmacht. Ein Seelsorger hat keinen „Zugriff“ auf die Seele – aber er kann, musikalisch gesprochen, ihren Klang verstärken. Er wirkt wie ein Resonanzkörper, in dem die...
Was morgen kommt
Man weiß nicht, was morgen kommt, sagt Sophia. Wenn es etwas gibt, das sie weiß, dann das. Schon am Morgen nach Leas Geburt ist nichts so, wie Sophia und Paul es sich vorgestellt hatten. Die Spontangeburt, ihr erstes gemeinsames Kind, das Leben zu dritt. Sophia erwacht aus einer Vollnarkose, verschwommene Bilder an eine Nacht, die ganz unerwartet zur Krise wurde, plötzliche Unruhe, Schmerz und Panik, ein Kaiserschnitt, Ärzte, Stimmen, die immer leiser werden, irgendwo zwischen grellem Licht und erlösender Dunkelheit. Jetzt ist Lea weg – sie wurde abtransportiert, sofort nach der Geburt, in...
Mission (im)possible
Anfang März 2020 – Österreich vor dem Stillstand. Auch am Sterntalerhof herrscht Unruhe. Was ist möglich, was ist zu vermeiden, was ist gefährlich? Schon in den Tagen vor der Verkündung des landesweiten Lockdowns durch die Regierung, ist Corona auf dem Radar des Teams – schließlich gehören fast alle unserer Familien zur Risikogruppe. Und dennoch – auch für den Sterntalerhof kommen die Auswirkungen der Pandemie überraschend. In einer dringlich einberufenen Besprechung werden Möglichkeiten und Unmöglichkeiten abgewogen – dann werden alle Familienwochen bis auf Weiteres abgesagt und der...
In den Ton die Wut
Eigentlich ist Ninas Mamatagebuch geheim. Nicht mal Susanne darf darin lesen – obwohl das Mamatagebuch Susannes Idee war, damals, als Mama noch nicht im Himmel war. Da kannst du alles reinschreiben, hatte Susanne gesagt, alles, was die Woche hindurch geschieht und was Mama nicht mitbekommt, weil sie ja im Krankenhaus ist. Und wenn Mama wieder nach Hause kommt, kannst du ihr daraus vorlesen. Eine gute Idee – Nina hatte sofort damit begonnen. Und über die Monate hinweg schrieb sie nicht nur, sie zeichnete auch, sie malte. Sie faltete eines der großen Plakate so lange zusammen, bis es sich ins...
Wie geht es Ihnen wirklich?
Grenzen überwinden – inwiefern begleitet das Ihren Alltag?
Immer dann, wenn ein Mensch sich auftut. Es braucht soviel Mut. Man muss Vertrauen gewinnen, dass da jemand ist, der einem zuhört. Man muss das Gefühl bekommen, jetzt passt’s, jetzt kann ich mich offenlegen. Man muss loslassen, um etwas Neues möglich zu machen. Einen Weg zu bereiten, auf dem Menschen diese Grenze überwinden können – das ist mein Job.
Als Seelsorger genauso wie als Psychotherapeut?
Nun, ein Seelsorger sorgt sich um die Seele eines Menschen. Ein Psychotherapeut genauso. Insofern passt das für mich gut zusammen. Aber...
Die kleinen Erfolge
Heute nimmt Maria einen weichen, trockenen Schwamm. Schließlich kennt sie Tina noch nicht so gut, das 11 jährige Mädchen ist erst den zweiten Tag am Sterntalerhof. Tina sitzt in ihrem Rollstuhl und blickt Maria mit großen Augen an. Sie kann zu Maria, zu dem Schwamm nichts sagen – und auch ihre Arme geben ihr wenig Spielraum, sich zu äußern. Umso achtsamer muss Maria sein. Mit bedächtiger Ruhe kauert sich Maria zu Tina, legt den Schwamm an die Hüfte des Mädchens. Hier fängt dein Bein an. Langsam streicht sie nun dem Oberschenkel entlang nach unten, über das Knie bis hinab zu ihrem Fuß, hält...
Zur Sonne, zum Licht
Der Weg zur kleinen Kapelle am Sterntalerhof führt vom Hauptgebäude weg, gabelt sich zwischen Gästehäusern und Reithalle und führt dann entlang kleiner Bäume in die Stille, weg vom Geschehen. Nicht selten ist es ein beschwerlicher Weg, körperlich wie seelisch – wer ihn geht, sucht Einkehr, will mit sich selbst und seinen Gedanken oder mit Angehörigen allein sein. „Schon dieser Weg ist ein Teil des Ziels“, erzählt mir Johann Konvicka, „es ist ein Weg, den man bewusst geht, der in die Abgeschiedenheit führt, an einen Kraftplatz, an einen Ort der Stille“. Konvicka ist Architekt, hat den...
Ein weiter Weg
Den Ring. Ich habe meinen Ring vergessen. Weißt du, Frau Claudia, ich stand im Badezimmer bei der Morgentoilette, als Farid plötzlich wieder nach Hause kam. Ich kam frisch aus der Dusche, mein Haar war noch nass. Der Ring lag wie immer auf dem Waschbecken. Es musste alles so schnell gehen, an den Ring habe ich nicht mehr gedacht. Ich habe mir schnell irgendetwas angezogen, wir sind ins Kinderzimmer gelaufen, haben Sanja aus dem Bett geholt und dann sind wir aus dem Haus, ganz schnell, zum Auto. Ohne Kleider einzupacken. Ohne Sanjas Medikamente. Ohne Windeln. Ohne den Ring. Wir sind einfach...
Emilys Zauberparty
Eigentlich wollte Christina modellieren. In ihrem Zimmer hat sie alles dafür hergerichtet: Ein kleines Tablett auf dem grünen Teppich, eine Unterlage, Plastilin in mehreren Farben – für Emily. Die Achtjährige hat vor wenigen Wochen ihren Vater verloren. Sein Tod kam überraschend, seine kleine verwaiste Familie taumelt zwischen Schmerz und Unfassbarkeit. Emilys Mama ist sich nicht sicher, ob ihre Tochter wirklich verstanden hat, dass Papa nicht mehr wiederkommt. Christina will das für sie herausfinden. Sie ist Psychologin am Sterntalerhof, sieht ihre Rolle als Sprachrohr – für betroffene...
Regentage
Es ist ein Regentag, als Farid stirbt. Es ist ein Tag, an dem ein junges Leben endet, Farid wird nur ein halbes Jahr alt. Es ist ein Tag, an dem ein schweres Leiden endet. Dabei hatte alles so gut begonnen. Farid, das erste Kind von Leyla und Ahmed, ein Wunschkind. Eine problemlose Schwangerschaft, eine Routinegeburt, keine Komplikationen. Dann, nach zwei Monaten, verändert sich Farids Blick. Er bekommt Anfälle, verkrampft sich, schreit, ringt nach Luft. Die Ärzte sind ratlos – und bleiben es, auch nach etlichen Untersuchungen und Aufenthalten im Krankenhaus. Immer heftiger werden die...
Wohin Du Willst
Zwei Minuten, maximal. Zwei Minuten sind eine lange Zeit – aber kurz genug. In zwei Minuten kann sich Maria vom Pferd schwingen, aus der Reithalle laufen, über die Wiesen zum Familienhaus, durch die Tür hinein, zur blauen Tasche und bei ihren Kindern sein, wenn Pascal oder Emma einen epileptischen Anfall haben. Pascal und Emma haben oft epileptische Anfälle, Maria zählt nicht mehr wie oft, es sind mehrere am Tag – und manchmal auch mehrere in der Nacht. Sie kommen von einem Moment auf den anderen, die Kinder kippen einfach um, verkrampfen sich, verbeißen sich, zittern und beben am ganzen...
Projekt I-Ah
Heute wird ein großer Tag, denkt Laura, als sie noch ein bisschen verschlafen mit ihren Klassenkameraden auf dem Schulhof in den Bus steigt. Es dämmert gerade, und obwohl es jetzt Anfang April bereits ein bisschen nach Frühling riecht, legt sich heute ein kalter Nebel um den Hügel, auf dem die Schule thront: Laura besucht die 4B der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft (HBLFA) Raumberg-Gumpenstein in der nördlichen Steiermark. Das ganze Schuljahr lang hat sich die Klasse immer wieder mit dem Sterntalerhof befasst. Und heute ist es soweit – heute geht’s zum Abschluss...
Der Herr der blauen Dose
Doch, da ist jemand. Da sind Schritte. Jemand raschelt mit Papier. Felix kauert am Boden und schielt vorsichtig um die Ecke auf den Gang. Vorne, am Ende des Gangs ist eine Balkontüre, diffus scheint die Nachmittagssonne durch die Jalousien und taucht den Gang in sommerliches Licht. Ein langer Gang mit links und rechts zwei Türen, Felix‘ Augen haben sie fest im Blick – die Büros der Therapeutinnen. Eine Tür steht offen. Von dort, Felix weiß es ganz genau, kommen die Geräusche. Da ist jemand drin. Sein Herz klopft. Seine kleine Hand umklammert seine Waffe, eine runde, blaue Dose mit weißer...
Der Grenzgänger
Das Leben eines Menschen besteht aus vielen Geschichten. Zu Martins Geschichten gehört die, als er einmal im Beifahrersitz eines Rallyeautos mitfahren durfte. Und die, als er mit sechs Jahren einen Erdhügel vor dem Haus erklimmen wollte, was den anderen Kindern spielend gelang, ihm aber schon damals nur unter größten Anstrengungen. Und zu Martins Geschichten gehören die Märchen, immer noch, allen voran der Froschkönig. Franz Horvath kennt Martin, den Autonarren. Für ihn als Seelsorger sind die Geschichten Ausgangspunkt seiner Arbeit. Franz kennt Martin, den Hügelbezwinger. Und Martin, den...














