Wenn Gäste zu Gastgebern werden
Warum eine Tasse Tee manchmal mehr bedeutet als bloßer Genuss

Egal wohin die Reise geht, Hasan hat immer eine frische Packung Çay – türkischen Schwarztee – dabei. Er ist ein geselliger Mensch, seine Frau und er lieben es, von Menschen umgeben zu sein. Und so verwandelt sich der Begegnungsraum am Sterntalerhof in ein kleines Stück Heimat.
Das vergangene Jahr hat Hasan und seiner Familie kaum Luft zum Atmen gelassen. Wenn er auf die letzten Monate zurückblickt, sieht er nicht nur die Pflege seiner Tochter, die seit einem Autounfall mit den Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas lebt. Er spürt auch die eigenen gesundheitlichen Rückschläge – einen Herzinfarkt und die Krebsdiagnose seiner Frau, die das Schicksal fast zeitgleich und völlig unerwartet auf ihre Schultern legte. Mit diesem schweren Gepäck sind sie zu uns an den Sterntalerhof gekommen. Um durchzuatmen. Um Gemeinschaft zu erleben. Um Kraft zu schöpfen.
Draußen ist es nebelgrau und kalt. Der Schnee von Anfang Jänner liegt noch. Im Begegnungsraum ist ein Tisch feierlich gedeckt. In der Mitte steht eine traditionelle Çaydanlık, eine handgefertigte Doppelteekanne. Hasan hat sie mitgebracht. Zuhause, erzählt er uns, wird der Tee auf dem Holzofen zubereitet. Hier muss die elektrische Kochplatte genügen. Und auch die feinen, taillierten Teegläser fehlen; wir trinken aus dem, was unser Küchenschrank hergibt. Doch das stört die besondere Atmosphäre dieses Moments nicht.
Der feine Duft von frischem Tee erfüllt den Raum. Hasan verteilt das starke Konzentrat routiniert auf die vielen Tassen und gießt mit heißem Wasser auf. Wenn jemand den Tee mit einem Schuss Milch verdünnen möchte, verzeiht er das. Wir sitzen zusammen, das Team und die anwesenden Familien. Wir hören zu, wenn Hasan von seiner Heimat erzählt. Von den Teefeldern in der Nähe seines Dorfes, wo die Blätter noch von Hand geerntet werden. Er erklärt uns das Handwerk und die Geduld, die der Tee braucht.
Wenn Grenzen verschwimmen
Für Außenstehende mag es schlicht wie ein gemütliches Beisammensein wirken. Eine Tasse Tee unter Bekannten. Aber in diesem Morgenkreis passiert mehr. Die Rollen lösen sich auf. Hasan und seine Frau sind in diesem Moment nicht „die betroffene Familie“, nicht „die Patienten“. Sie sind die Gastgeber. Sie schenken uns ein, sie umsorgen uns. Das ist Hospiz. Denn Hospiz ist – insbesondere im Kinderpalliativ-Bereich – eine Haltung. Es bedeutet Heimat und Gastfreundschaft. Es bedeutet, die Geschichte des Gegenübers anzunehmen, sie mitzutragen und auszuhalten. Und es bedeutet, den Anderen auf Augenhöhe zu begegnen.
Für einen Moment rücken die Diagnosen, die Sorgen um die Tochter und die eigene Gesundheit in den Hintergrund. Wir reisen in Gedanken mit Hasan in den Süden, wir schmecken die Sonne in den Teeblättern und spüren die Wärme der Gemeinschaft. Es ist ein Moment im Hier und Jetzt. Eine Erinnerung für ein Leben, das vielleicht begrenzter ist als anderswo, aber deshalb nicht weniger reich an solchen Augenblicken sein darf.
Als sich die Tassen leeren, sind wir alle etwas ruhiger geworden. Eine innere Wärme breitet sich aus. Wir haben nicht nur Tee getrunken, wir haben am Leben einer Familie teilhaben dürfen, die trotz allem ihre Gastfreundschaft nicht verloren hat. Wie gut, dass Hasan eine frische Packung Çay dabei hatte.