Zum Hauptinhalt springen

Frau.mit.Zeit

Wertvolle Tage zum miteinander Kraftschöpfen und die Bedeutung des Vergissmeinnichts – ein Gastbeitrag von Daniela Csefalvay

01. Mai 2026
Frau.mit.Zeit
Kleine Pflanze, große Symbolik: Ein Vergissmeinnicht, damit man nicht auf sich selbst vergisst.

Drei Tage. Ein besonderer Kraftort. Und Frauen, die im Alltag kaum Raum für sich selbst haben.

Im vergangenen Mai organisierte der Sterntalerhof drei Auszeittage für Mütter schwer erkrankter oder verstorbener Kinder in Mariazell. Ein Angebot, das bewusst nur ihnen galt. Ein Ort, der bewusst ausgewählt wurde. Der Wallfahrtsort in der Steiermark ist ein Kraftplatz. Umgeben von herrlicher Natur, fern vom täglichen Funktionieren.

Begleitet von den erfahrenen Therapeutinnen Verena Gumhalter und Claudia Straka entstand ein geschützter Raum. Ein Raum ohne Erwartungen. Ohne Rollen. Hier durften die Frauen ankommen, durchatmen, still sein oder sprechen – und auf Menschen treffen, die ihre Lebensrealität kennen.

Im Strudel des ständigen Funktionierens

Die Idee für diese begleitete Auszeit entstand aus zahlreichen Gesprächen. Und aus der Not heraus. Wenn ein Kind schwer erkrankt oder stirbt, verändert sich das ganze Leben. Immer wieder erzählen betroffene Mütter, dass ihr Umfeld oft nicht weiß, wie es ihnen wirklich geht. Freundinnen, die zuhören wollen, aber nicht verstehen können. Familienmitglieder, die helfen möchten, aber oft ratlos sind. Für Freundschaften, Selbstfürsorge oder kleine Auszeiten fehlen im Alltag meist die Kraft und die Zeit.

Denn dieser Alltag kennt keine Pausen. Er verlangt Organisation, Verantwortung und ständiges Dasein. Mutter sein. Pflegekraft sein. Krankenschwester sein. Medikamente verabreichen, Notfallsituationen meistern, Entscheidungen treffen. Rund um die Uhr. Viele Frauen beschreiben, dass sie nur noch funktionieren. Der Wunsch, einfach einmal Frau zu sein, rückt weit in den Hintergrund.

Ein behutsamer Beginn

Bevor sich die Frauen persönlich begegneten, fand ein erstes Online-Kennenlernen gemeinsam mit den Therapeutinnen statt. Erwartungen wurden besprochen. Organisatorisches geklärt. Die Vorfreude war groß.

Ankommen – im Ort und bei sich selbst

Mit der Ankunft in Mariazell begann die gemeinsame Auszeit. Zu Beginn erhielt jede Frau ein Buch. Ein Zeittagebuch. Zum Schreiben, Zeichnen, Nachdenken. Drei Tage voller wertvoller Erlebnisse und Workshops. Alles ohne Zeitdruck. Eine Wanderung auf die Bürgeralpe. Frühlingshafte Natur. Ein unbeschwertes Mittagessen auf der Edelweißhütte. Gespräche im Gehen. Gemeinsames Lachen. Gemeinsames Weinen. Nähe entstand. Vertrauen wuchs.

Während der Wanderung fand eine Teilnehmerin ein Vergissmeinnicht in der Wiese. Sie pflückte es und sagte: „Das nehme ich mit – damit ich nicht auf mich selbst vergesse.“ Ein Satz, der vielen aus der Seele sprach.

Zeit für Genuss, Leichtigkeit und Reflexion

Für viele Mütter war es das erste Mal seit Langem, dass sie sich bewusst etwas Gutes taten. Ausschlafen. Durchschlafen. Sich verstanden fühlen. Eine Torte im Kaffeehaus. Ein Spaziergang ohne Verpflichtungen. Einmal nicht kochen müssen. Momente, die im Alltag kaum Platz haben, weil die Sorge um das Kind alles bestimmt. Hier durften sie einfach Frau sein. Nicht nur Pflegende. Nicht nur Organisatorinnen. Nicht nur Kämpferinnen.

Verena Gumhalter und Claudia Straka hatten vieles vorbereitet: ein gemeinsames Abendritual, geführte Fantasiereisen, Meditationsübungen und Mandalas. Zeit zum Reflektieren gab es beim Schreiben eines Briefs an sich selbst. Auch die mitgebrachten Kraftgegenstände wurden besprochen: ein Kamel als Schlüsselanhänger, ein Fundstück aus dem Garten, ein Familienfoto. Gegenstände mit einer Geschichte, die bleiben.

Es gab auch ernste Gespräche. Über das Leben mit einem schwer kranken Kind. Über den Verlust eines Kindes. Über Partnerschaften, Familien, zerplatzte Träume. Über Karrieren, die nicht stattfinden konnten. Über Zukunftspläne, die es so nicht mehr gibt. Über Hilflosigkeit. Und doch lag über diesen Gesprächen keine Schwere. Dankbarkeit und Optimismus gewannen die Oberhand.

Weitergehen mit neuer Kraft

Die Frauen kehrten gestärkt in ihren Alltag zurück. Nicht, weil ihre Last leichter geworden wäre. Sondern weil sie für einen Moment echte Verbundenheit erleben konnten – und dieses Gefühl mitnehmen durften.

Die Verbindung endete nicht mit der Abreise. Eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe ermöglicht Austausch im Alltag. Ein kurzer Gedanke. Ein aufmunterndes Wort. Ein Zeichen: Ich bin da. Verbündete wurden gefunden und sollen bleiben.

Eine Teilnehmerin fasste es so zusammen: Emma ist Mutter von zwei Kindern – einem neunjährigen Sohn mit schwerer Mehrfachbehinderung und einer siebenjährigen Tochter:

„…Voller Motivation und mit vielen neuen Ideen kam ich zurück in den Alltag. Ich konnte meinen eigenen Weg wieder leichter weitergehen – in dem Wissen, dass es viele andere Familien gibt, die schwere Schicksale tragen und dabei eine so positive Haltung bewahren. DANKE für diese wunderbare Erfahrung, von der ich noch lange zehren werde.“

Ein Nachtreffen mit wunderbaren Frauen

Im Juni trafen sich die Frauen erneut online. Ein stärkender Moment, um das Erlebte nochmals zu ordnen und nachwirken zu lassen. Gemeinsam erinnerten sie sich an ihre Zeit in Mariazell. Sie benannten, was geblieben war. Die stärksten Gefühle. Und das, was diese Tage so besonders machte. Es entstand eine gemeinsame Wortwolke: Lachen. Wunderbare Frauen. Gegenseitiges Verstehen.Verbundenheit. Inspiration. Die Möglichkeit, Gefühle zuzulassen, ohne sich erklären zu müssen.

In Kürze

Worum ging es beim Angebot Frau.mit.Zeit?
Der Sterntalerhof organisierte im Mai drei Tage Auszeit für Mütter schwer erkrankter oder verstorbener Kinder. Das Angebot war bewusst nur für diese Frauen gedacht und sollte Raum zum Ankommen, Durchatmen und Austausch schaffen.
Warum wurde Mariazell als Ort ausgewählt?
Mariazell wurde als besonderer Kraftplatz beschrieben: umgeben von Natur und weit weg vom Alltag, in dem viele Mütter ständig funktionieren müssen. Dort entstand ein geschützter Rahmen ohne Erwartungen und Rollen.
Wie wurden die Teilnehmerinnen begleitet?
Begleitet wurden die Tage von den Therapeutinnen Verena Gumhalter und Claudia Straka. Sie gestalteten die drei Tage unter anderem mit Ritualen, geführte Fantasiereisen, Meditationsübungen und Mandalas sowie Reflexionseinheiten wie einen Brief an sich selbst.
Welche Programmpunkte gab es während der drei Tage?
Es gab Workshops ohne Zeitdruck und gemeinsame Erlebnisse wie eine Wanderung auf die Bürgeralpe mit Mittagessen auf der Edelweißhütte. Außerdem bekamen die Frauen ein Zeittagebuch zum Schreiben, Zeichnen und Nachdenken.
Wie blieb der Kontakt nach der Auszeit bestehen?
Nach der Abreise blieb die Gruppe über eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe in Verbindung, um sich im Alltag auszutauschen. Im Juni gab es zusätzlich ein Online-Nachtreffen, um das Erlebte nachwirken zu lassen.

Mehr Geschichten im Sterntaler

Dem Magazin vom Sterntalerhof

Abonnieren Sie kostenlos unseren Sterntaler und lesen Sie mehr Aktuelles, Berührendes und Lesenswertes vom Sterntalerhof.

Das Magazin erscheint halbjährlich.

Weitere Beiträge: